Ort und Thema
Das Kunstfestival Begehungen fand vom 18. Juli bis zum 17. August 2025 im Gelände des stillgelegten Braunkohle-Heizkraftwerks Chemnitz-Nord statt. Es war Teil des offiziellen Programms der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025. Über 56.000 Menschen konnten während des Festivals begrüßt werden.
Unter dem Titel EVERYTHING IS INTERACTION versuchte das Festival die Komplexität der Themen Ressourcenverbrauch, Artenverlust und Klimakrise sichtbar zu machen.
Die Ausstellung vereinte 32 internationale künstlerische Perspektiven auf soziale, ökologische und ökonomische Folgen der Umweltzerstörung, auf Gerechtigkeits- und Machtfragen sowie damit verbundene gesellschaftliche Diskurse. Das Festival verstand sich als ein inspirierender Ort für Begegnung, Austausch und kreative Impulse.
Alles ist Wechselwirkung. Nichts steht für sich allein, ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.« Diese Zeilen notierte der große Naturforscher Alexander von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhundert unter dem Eindruck seiner ersten großen Amerika-Reise von 1799 bis 1804. Humboldt hatte u.a. beim Besuch des Valenciasees in Venezuela erkannt, dass dessen kontinuierlicher Wasserverlust eine Folge von Waldrodungen zum Anlegen von Plantagen war. Holz- und Wassermangel, aber auch die Gefahr von Überschwemmungen aufgrund ausgetrockneter Böden benannte er als Folge der menschlichen Eingriffe.
Die humboldtsche Erkenntnis der Wechselwirkungen in der Natur lässt sich schon damals weit über den Naturbegriff hinaus anwenden. Die von den spanischen Kolonialherren angelegten Plantagen am Valenciasee sind Ausdruck der Ausbeutung der Natur, aber genauso verweisen sie auf systemische Ausbeutungsstrukturen, auf Armut auf der einen, grenzenlosen Reichtum auf der anderen Seite. Die Ausbeutung von Ressourcen bedeutet bis heute Zerstörung und Wohlstand, Einkommen und Arbeitskampf, Essen und Artensterben, Fluch und Segen.
Das Kunstfestival Begehungen findet jedes Jahr zu einem anderen Thema statt. Das Thema wird dabei maßgeblich vom Ort bestimmt. Mit dem Festivaltitel EVERYTHING IS INTERACTION wollten wir darauf verweisen, dass es auf die großen ökologischen und ökonomischen Fragen unserer Zeit keine einfachen Antworten gibt. Dabei leitetete uns keine dystopische Weltsicht, sondern wir wollten kreative Impulse für einen konstruktiven Umgang mit den aktuellen Problemen setzen.
Das Heizkraftwerk Nord wurde ab 1957 errichtet. Ab Anfang der 1980er Jahre erfolgte die Erweiterung des HKW Nord in seiner jetzigen Ausdehnung. Am 18. Januar 2024 wurde das Braunkohle-Kraftwerk vom Betreiber eins energie in Sachsen GmbH & Co. KG stillgelegt.
Weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist der Schornstein des Heizkraftwerks. Mit reichlich 300 Metern ist er das höchste Bauwerk in Sachsen. Aus dem Zweckbau wurde 2013 ein weithin sichtbares Kunstwerk und eines der populärsten Chemnitzer Wahrzeichen. Das entsprechende Konzept entwickelte der französische Künstler Daniel Buren unter dem Werktitel Sieben Farben für einen Schornstein.
Das Kunstfestival Begehungen nutzte einen ca. ein Hektar großen Teilbereich inklusive des historisch bedeutsamen Kühlturms 1 sowie diverse technische Anlagen wie die riesigen, metallenen Deionatbehälter. In drei großen Hallen wurde eine mehr als 2.000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche präsentiert.
Künstler*innen der Ausstellungen
Ana Alenso (VE)
Lara Almarcegui (NL/ES)
AWOL Collective (VE/ES/RS)
Tina Bara (D)
Ursula Biemann & Paulo Tavares (CH/BR)
Böhler & Orendt (DE/RO)
Borek Brindák (SK)
Daniel Canogar (ES/US)
Jan Fabian (CZ)
Abie Franklin & Daniel Hölzl (GB/AT)
Tim Gassauer (DE)
Elza Gubanova (UA)
Sarah Damai Hoogman (NL)
Clemens Hornemann (DE)
Anne Duk Hee Jordan (KR/DE)
Nadia Kaabi-Linke (DE/TN/UA)
Diana Lelonek (PL)
Tea Mäkipää (FI)
Gisle Nataas (NO)
Henrike Naumann (D)
Olaf Nicolai (DE)
Uriel Orlow (CH)
Johanna M. Reich (DE)
Amparo Sard (ES)
Katharina Sauermann (AT)
Günther & Loredana Selichar (AT/IT)
Hito Steyerl (DE)
Gregor Schneider (DE)
Daniel Otero Torres (CO)
Rikuo Ueda (JP)
Anna Weberberger (AT)
Valeria Zane & Victor Nebbiolo di Castri (IT/FR)
Kuration: Dr. Claudia Tittel
Künstler*innen und Mitwirkende im Festivalprogramm (Auswahl)
Bikini Beach
Kochkraft durch KMA
Drone Operator & Joss Turnbull (raster soundtrack europe 20 - 25)
Yaneq Reime und lose Gedanken
KUF
Superbusen
Gisle Nataas & Haakon Thelin
Valeria Zane / Victor Nebbiolo Di Castri
Elza Gubanova & Leon Seidel
Elisabeth Weydt (Lesung Die Natur hat Recht)
Klima-Monologe (Dokumentarisches Theater von Michael Ruf)
Uwe Ritzer (Lesung Der Ausverkauf: Wasser, Boden, Rohstoffe)
Die Menschen hinter dem Festival 2025
Team: Matthias Döhler, Lisa-Anna von Ell, Antje Franke-Börner, Jörg Finzel, Randy Fischer, Saba Ghadirian, Maryna Gladka, Linda Kolodjuk, Juna Mischler, Lars Neuenfeld, Stephan Reinhardt, Johannes Richter, Lennart Scheuren, Frank Weinhold
kraftvolle Unterstützung durch: Chris Bailkoski, Eugen Braunstein, Sylke Erler, Ron Fiedler, Michael Goller, André Grund, Sebastian Häger, Heiko Katzmann, Johannes Myller, Sina Rohrlack, Amarin Roßberg, Ingo Scheller, Robert Steinbrecht, Michael Spiegler, Lilo Tittel, Kilian Tyroller, Kristin Uhlig, Mike Uhlmann, Gert Wilhelm, Katharina Bloch und Anatoli Budjko, die Teams von PM2, TD Media und make IT, Volunteers der Kulturhauptstadt Europas,
Ganz spezieller Dank geht an die wunderbaren Menschen von eins energie in sachsen GmbH & Co KG, vor allem Thomas Uhlemann, Andreas Schultheiß, Astrid Eberius und Carmen Schreiter sowie an die Mitarbeiter der RAC Service GmbH, hier vor allem Marco Frenzel, Mike Schmidt und Jörg Schönfeld.